Ovids Liebesbüchlein: Ihr Haar
 
Ihr Haar
 
Es wallte dein Gelock
Herab wie schäumender Gischt,
Gleich Seidenfäden zart,
Aus Schwarz und Gold gemischt.
 
Der Ceder Farbe war's,
Die hebt am Ida das Haupt;
Man hat den ragenden Stamm
Der schmucken Rinde beraubt.
 
Nicht Nadel und nicht Kamm
Hat je ein Haar dir versehrt,
Nie hat die Dienerin
Ein böses Wort gehört.
 
Nie hast im Zorne du
Gestochen nach ihrer Hand.
Ich weiß es, da ich oft
Im Zimmer mich befand.
 
So sah ich dich einmal, -
Es war ein Morgen schwül -
Du lagest rücklings halb
Auf purpurrotem Pfühl.
 
Du schienst mit losem Haar
Wohl der Bacchantin gleich,
Die in dem Grase ruht,
So hingesunken weich.
 
Und plötzlich nahm die Magd
Vom Feuer einen Draht
Und rollte dir das Haar
Mit frevlerischer That.
 
Da rief ich: Solches Haar,
Das brennt man nicht - halt ein
O schone deines Haupts!
Wer wird so grausam sein!
 
Die Schaumgeborne trug
In triefender Hand solch Haar,
Da sie dem Meer entstieg,
Wie's stellt der Maler dar.
 
Mein Reden war umsonst,
Das Haar verdarb. Nicht Neid
Noch Gift that es ihm an,
Nein, nur die Eitelkeit.
 
Nun, Thörin, klage nicht
Und leg' den Spiegel hin.
Dir leiht den fehlenden Schmuck
Einst die Sygamberin.
 
Dir leiht das deutsche Weib
Die Locken, und nicht wahr?
Wenn du es dir gekauft,
So ist's dein - eigen Haar.
 
 
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